Ratgeber

    Für Kandidat:innen · Quereinstieg Steuerkanzlei

    Quereinstieg in die Steuerkanzlei: Wege ohne klassische Ausbildung

    Ohne Ausbildung in die Steuerkanzlei? Welche Einstiege realistisch sind, welche Qualifikationen zählen, was Sie verdienen und wie Kanzleien Quereinsteiger:innen bewerten.

    Von BALDO RedaktionVeröffentlicht am

    Der Fachkräftemangel hat die Steuerbranche geöffnet. Kanzleien, die vor fünf Jahren ausschließlich ausgebildete Steuerfachangestellte eingestellt haben, prüfen heute ernsthaft Quereinsteiger:innen. Dieser Beitrag zeigt, welche Wege realistisch sind, welche Vorkenntnisse tatsächlich zählen und womit Sie beim Gehalt rechnen können.

    Warum Kanzleien überhaupt umdenken

    Die Zahl der Ausbildungsabsolvent:innen deckt den Bedarf seit Jahren nicht. Gleichzeitig hat die Digitalisierung viele Routinetätigkeiten verändert: Belegerfassung läuft zunehmend automatisiert, dafür wächst der Bedarf an Menschen, die Prozesse betreuen, Mandanten begleiten und Plausibilitäten prüfen. Beides zusammen macht Einstiege möglich, die früher ausgeschlossen waren. Den größeren Zusammenhang beschreibt der Beitrag Fachkräftemangel in der Steuerkanzlei.

    Die vier realistischen Einstiegswege

    1. Einstieg über die Buchhaltung

    Wer aus der Finanzbuchhaltung eines Unternehmens kommt, bringt genau das mit, was Kanzleien in der laufenden Buchhaltung brauchen. Der Unterschied liegt in der Mandantenvielfalt und in DATEV. Beides ist in wenigen Monaten erlernbar, wenn die Grundlagen sitzen.

    2. Einstieg über Assistenz und Organisation

    Kanzleiassistenz, Sekretariat, Empfang: Diese Rollen sind ein üblicher Türöffner. Viele Kanzleien fördern anschließend die Ausbildung oder den Wechsel in die Sachbearbeitung. Wie die Rolle aussieht, beschreibt das Berufsbild Office Manager:in in der Kanzlei.

    3. Umschulung zur Steuerfachangestellten

    Die klassische Umschulung dauert in der Regel zwei Jahre und endet mit der regulären Kammerprüfung. Sie ist der sauberste Weg, weil er zum vollwertigen Berufsabschluss führt – und häufig förderfähig. Viele Kanzleien stellen Umschüler:innen bewusst ein, weil sie Lebenserfahrung und Mandantensicherheit mitbringen.

    4. Seiteneinstieg mit Studium

    Wirtschaftswissenschaftler:innen und Jurist:innen steigen häufig direkt in die Beratung ein und legen später das Steuerberaterexamen ab. Dieser Weg wird 2027 voraussichtlich einfacher: Ein Referentenentwurf des Bundesfinanzministeriums sieht vor, den sogenannten Fakultätsvorbehalt aufzuheben, sodass jeder Hochschulabschluss zur Prüfung berechtigt. Mehr dazu im Beitrag Reform der Steuerberaterprüfung.

    Was Kanzleien wirklich bewerten

    In Gesprächen mit Kanzleileitungen fallen immer dieselben vier Punkte:

    • Zahlenaffinität und Sorgfalt. Wichtiger als Vorwissen im Steuerrecht.
    • Umgang mit Mandanten. Wer freundlich und verbindlich kommuniziert, entlastet die Kanzlei sofort.
    • Digitale Selbstständigkeit. Wer sich in neue Software ohne Anleitung einarbeitet, gilt als geringes Risiko.
    • Lernbereitschaft mit Nachweis. Ein begonnener DATEV-Kurs oder ein Buchhaltungszertifikat wirkt stärker als jede Absichtserklärung.

    Womit Sie beim Gehalt rechnen können

    Realistisch ist ein Einstieg zwischen 32.000 und 40.000 Euro Jahresbrutto, je nach Vorerfahrung und Region. Wer aus der Unternehmensbuchhaltung kommt, startet häufig darüber. Nach abgeschlossener Umschulung oder zwei Jahren Kanzleipraxis bewegen Sie sich im normalen Gefüge für Steuerfachangestellte – nachzulesen im Artikel Gehalt Steuerfachangestellte 2026. Eine Einordnung für Ihren Standort liefert der Gehaltsrechner.

    So bewerben Sie sich als Quereinsteiger:in

    Der häufigste Fehler ist die Entschuldigungshaltung: "Ich habe zwar keine Ausbildung, aber …". Drehen Sie es um. Beschreiben Sie in zwei Sätzen, was Sie bisher gemacht haben, was Sie davon in der Kanzlei einsetzen können und was Sie zu lernen bereit sind. Konkrete Beispiele schlagen jede Formulierungskunst. Weitere Hinweise im Beitrag Bewerbung als Steuerfachangestellte, die meisten Punkte gelten für Quereinsteiger:innen genauso.

    Wo der Einstieg schwierig bleibt

    Ehrlich bleiben muss man an zwei Stellen: Wer ohne jede kaufmännische Berührung und ohne Bereitschaft zur Umschulung einsteigen möchte, findet kaum eine Kanzlei. Und in der Lohnbuchhaltung sind die Anforderungen wegen der Haftungsrisiken höher als in der Finanzbuchhaltung – dort führt der Weg fast immer über eine formale Qualifikation, siehe Berufsbild Payroll Specialist.

    Der Quereinstieg ist heute leichter als je zuvor, aber er ist kein Selbstläufer. Wer Grundlagen mitbringt, sich sichtbar weiterbildet und offen kommuniziert, findet in der Regel innerhalb weniger Wochen eine Kanzlei, die es mit ihm versucht.

    Sie überlegen den Einstieg in eine Kanzlei? Erzählen Sie uns kurz von Ihrem Hintergrund – wir sagen ehrlich, was möglich ist.

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